Von Pferden und Menschen
Das Pferd hat den Menschen weit gebracht: Pferde transportierten das Hab und Gut der Nomadenstämme, sie brachten auf ihren Rücken die Krieger der Hunnen und die Bogenschützen des Dschingis Khan quer durch die weiten Steppen Asiens bis nach Europa. Pferde zogen die Streitwagen der Kelten, Griechen und Römer - und den Pflug. Auf Pferden eroberten spanische Abenteurer die Hochkulturen Süd- und Mittelamerikas auf der Suche nach dem nie gefundenen "Eldorado", dem sagenhaften "Goldland". Pferde brachten Polarforscher durch die heulenden Schneestürme der Antarktis dem Südpol entgegen und dienten diesen beim Kampf ums Überleben zuletzt noch als Nahrung. Kein Zweifel - Pferde haben Geschichte gemacht.
Von der Jagdbeute zum Nutztier
Auf etwa 40.000 gemeinsame Jahre können Mensch und Pferd zurückblicken. Aus der Jagdbeute und dem Fleischlieferanten wurde allmählich ein Nutztier. Die gezielte Zucht von Pferden ist allerdings für Mitteleuropa archäologisch erst in der Bronzezeit fassbar.
Das Glück dieser Erde liege auf dem Rücken edler Pferde, sagt man. Nun, bei der Beziehung Mensch-Pferd konnte davon zunächst keine Rede sein. Auf den Rücken eines Pferdes gesetzt hat sich der Mensch erst relativ spät - aber dann hat er sich dort sozusagen für die Zukunft häuslich eingerichtet. Am Anfang aber wurde das Pferd als Zugtier genutzt, vor allem für Transportaufgaben. Wagen existierten noch nicht, es wurden Gestelle aus zusammengebundenen kleinen Baumstämmen, ähnlich den Travois der Prärieindianer, über den Boden geschleift.
Zusätzlich wurde das Pferd mithilfe einfacher Packgerüste auf Wanderungen beladen, wodurch sich das Marschtempo erheblich erhöhen ließ. Die Erfindung von mit Rädern versehenen Wagen und eine Weiterentwicklung des Zuggeschirrs brachte nochmals eine Steigerung der Mobilität der damaligen Menschen mit sich. Forscher gehen davon aus, dass das Pferd den Personen- und Warentransport in den prähistorischen Kulturen der Alten Welt geradezu revolutioniert hat - und zwar in einem Maße, wie erst wieder die Eisenbahn und das Automobil im 19. Jahrhundert.
Zu kostbar für den Pflug
Der Wagen war nun erfunden und er wurde schnell vom reinen Transportfahrzeug zum Streitwagen für den Krieg. Den Transport besorgten Ochsengespanne, denn bis zur Entwicklung des Kummets gab es kein Geschirr, mit dem ein Pferd große Lasten hätte ziehen können, ohne sich die Luft abzuschneiden. Noch das ganze Mittelalter hindurch bis in das vorige Jahrhundert wurden bei der Feldarbeit Ochsen und Kühe eingesetzt. Kühe vor dem Pflug oder Wagen waren noch bis in das 20. Jahrhundert hinein, vor allem in ärmeren Gegenden, ein gewohnter Anblick.
Mit Pferd und Streitwagen
Wenn das Pferd als Zugtier schwerer Lasten zunächst nur begrenzt zu gebrauchen war, so war es um so unverzichtbarer vor dem leichten einachsigen Streitwagen. Wie Homer in der Ilias erzählt, kämpften auf ihm sowohl die Helden Griechenlands wie die Trojaner, auf Streitwagen eroberten sich die Hethiter ihr Reich und die Kelten waren für ihre bewundernswürdige Geschicklichkeit beim Führen dieser Kriegswaffe berühmt und gefürchtet. Aber immer noch war kein Krieger auf dem Rücken eines Pferdes in die Schlacht gezogen. Dass man auf Pferden auch reiten kann, war prinzipiell durchaus bekannt. Antike Quellen berichten davon. Offensichtlich war aber das Sitzen auf dem Pferderücken nicht "standesgemäß" für ein Mitglied des Kriegsadels oder einen Herrscher. Es gibt zumindest aus der frühen Zeit dazu keine bildlichen Darstellungen. Wohl aber viele von Streitwagen im Kampf und als Statussymbol. Nicht "reiten" war vornehm, sondern "fahren" - Könige und Adelige fuhren im Streitwagen auf die Jagd oder in den Krieg. Erst viel später führte die militärische Überlegenheit der antiken Reiterei zum Untergang der Streitwagen als Kriegswaffe.
Bei vielen Völkern war das Pferd nicht nur Reit- und Arbeitstier, es wurde auch kultisch verehrt. Bei den Germanen etwa dienten Pferde als Orakel. Der römische Historiker Tacitus schrieb dazu in seiner "Germania":
"... hingegen ist es eine germanische Besonderheit, auch auf Vorzeichen und Hinweise von Pferden zu achten. Auf Kosten der Allgemeinheit hält man in den erwähnten Hainen und Lichtungen Schimmel, die durch keinerlei Dienst für Sterbliche entweiht sind. Man spannt sie vor den heiligen Wagen; der Priester und der König oder das Oberhaupt des Stammes gehen neben ihnen und beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Und keinem Zeichen schenkt man mehr Glauben, nicht etwa nur beim Volke: auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; sich selbst halten sie nämlich nur für Diener der Götter, die Pferde hingegen für deren Vertraute."
In der nordischen Mythologie ist das achtbeinige Ross Sleipnir das Pferd des Göttervaters Odin. Es reitet gleichermaßen schnell zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Oder besser: Es "gleitet schnell", das bedeutet sein Name Sleipnir. Auf Sleipnir kann Odin durch alle Welten reiten, durch die der Götter, der Menschen und in die Unterwelt. Bei solch einem Ritt soll der Sage nach Sleipnir einen Hufabdruck hinterlassen haben, der noch heute zu sehen ist: Die Ásbyrgi-Schlucht auf Island hat die Form eines Hufeisens.
Übriges: Auch der "Ritter" ist eigentlich ein "Fahrer". Das althochdeutsche Wort ritan steht für "fahren, sich bewegen", das altirische deriad bezeichnet ein Zweigespann, reda ist im gallorömischen ein vierrädriger Reisewagen. Die heutige Bedeutung hat "reiten" erst sehr viel später bekommen.
Auf hohem Ross
Um sprachgeschichtliche Feinheiten wird sich der erste Reiter nicht sehr gekümmert haben, als er sich den Pferderücken eroberte. Irgendwann muss man wohl festgestellt haben, dass vom Rücken eines Pferdes die Übersicht sehr viel besser ist als vom Wagen aus und dass Pferd und Reiter viel beweglicher sind als Pferd und Wagenkämpfer. Wagen, Pflug, Schlitten und Travoi lassen sich auch durch andere Zugtiere bewegen - das Reiten funktioniert aber einigermaßen vorteilhaft nur mit dem Pferd. Auf jeden Fall stieg der Mensch in den Sattel und noch nie hatte er sich seiner Umgebung so überlegen gefühlt wie vom sprichwörtlichen "hohen Ross". Kavalleristen auf immer größer gezüchteten Pferden erwiesen sich mit zunehmender Reitkunst als schneller, wendiger und damit effektiver als Kämpfer auf Streitwagen. Die Ersten, von denen tatsächlich die Ausübung einer Reit"kunst" überliefert ist, waren die Griechen. Der Historiker Xenophon schrieb im 4. Jahrhundert v. Chr. das Werk peri hippikés ("Über die Reitkunst"), in der er das Wissen über Pferde und Reiten zusammentrug. Die meisten Ratschläge aus diesem Werk haben auch heute noch Gültigkeit.
Aus dem Stegreif
Einen nachhaltigen Einfluss auf die Reitkunst und die Kriegsführung zu Pferde hatte die Entwicklung des Steigbügels. Ohne ihn hätten die gepanzerten Ritterheere des Mittelalters ihre Lanzen nicht einsetzen können und die Reitervölker der asiatischen Steppen hätten keinen sicheren Halt gefunden, um rittlings ihre Pfeile vom speziell für den Kampf zu Pferd entwickelten Hörnerbogen abzuschießen. Aus der unterschiedlichen Kriegsführung gingen auch verschiedene Pferderassen hervor: Waren die Pferde der mongolischen Reiter klein und wendig, so wurden in Europa große und schwere Pferde benötigt, um den Ritter und seine Rüstung tragen zu können. Es waren Tiere wie die "Englischen Rappen", die den heutigen Friesen ähnelten. Die Reitkunst allerdings war bei den Rittern wenig ausgeprägt, mit schwer gepanzerten Pferden kann man keine Kapriolen reiten.
Die hohe Schule entsteht im Kampf
Mit dem Ende der Ritterzeit begann die Phase der klassischen Reitkunst, auch diese ursprünglich als reine Militärreiterei. Fast alle Disziplinen der "Hohen Schule" haben ihren Ursprung in Manövern des Reiterkampfes. Die Pferde dieser Zeit waren Vorläufer unserer heutigen Barockpferde. Beliebt waren spanische Pferderassen wie die Andalusier, entstanden aus der Veredelung von einheimischen spanischen Pferderassen mit Araberpferden. Aus dieser zunächst rein militärisch begründeten Tradition des Reitens entstand dann allmählich die klassische höfische Reitkunst.
WIE VIEL PFERDESTÄRKEN HAT EIN PFERD?
Erst die Entwicklung des Kummets im 1. Jahrtausend machte es für das Pferd möglich, auch schwere Lasten zu ziehen. Durch das Kummet wurde die Zugkraft des Tieres ca. auf das Fünffache erhöht. Bis zur Entwicklung der Dampfmaschine war das Pferd damit die Hauptantriebskraft in der großbäuerlichen Landwirtschaft und der entstehenden Industrie.
Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die Stärke eines Pferdes von James Watt für die Leistung seiner Dampfmaschinen, die das Pferd verdrängen sollten, verwendet wurde. Historisch gesehen ist eine Pferdestärke in etwa die Dauerleistung eines Arbeitspferdes beim Antreiben einer Mühle oder beim Heben von Lasten. Aber wie viel ist dies nun in PS?
Die Standarddefinition der Pferdestärke ist 75 kp m/s. Ein Kilopond (kp) ist die Kraft, die man braucht, um ein Kilogramm gegen die normale Schwerkraft zu halten. Das ideelle "PS-Normpferd" kann also eine Last von 75 Kilogramm mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde heben. Die Leistung eines realen Pferdes kann allerdings je nach Rasse, Trainingszustand oder augenblicklicher Anstrengung erheblich von diesem Maß abweichen.
Ein Kaltblüter von 750 kg Lebendgewicht kann im Schritt als Dauerzugkraft etwa 100 kg bewegen und erbringt damit etwa 1,2 PS. Leichtere Arbeitspferde wie Holsteiner oder Oldenburger erbringen eine Dauerzugkraft von 75 - 80 kg und damit eine Leistung von etwa 1,1 PS. Ein Shetty kommt gerade einmal auf 0,4 PS. Kurzfristig können Pferde aber weitaus höhere Leistungen erbringen: Kaltblüter kommen da auf gut 30 PS, Warmblutpferde beim Galopp oder beim Springreiten über 20 PS. Eigentlich schade, dass die Pferdestärke heute ausgedient hat. James Watt hat postum dafür gesorgt. Das Maß für die Leistung wird heute mit seinem Namen bezeichnet: Watt.
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