Auf den Zahn gefühlt
Dr. Kristina Golling hat ein Herz für Pferde. Dies hat sich auch auf ihre berufliche Laufbahn ausgewirkt – sie ist promovierte Tierärztin mit zusätzlicher Qualifikation zur Pferde-Dental-Praktikerin. Wir haben sie besucht und ihr bei der Behandlung von „Inga“ über die Schulter geschaut.
Dr. Golling behandelt die 14 Jahre alte Stute „Inga“ bereits seit vier Jahren. Neben einigen anderen gesundheitlichen Problemen leidet Inga an einer starken Fehlstellung des Kiefers. Vor jeder Behandlung lässt sich Dr. Golling zunächst einmal den Patienten vorstellen. Denn für Kristina Golling ist es wichtig, das Pferd im Ganzen zu betrachten. Nicht nur die Zähne, sondern der gesamte Gesundheitsstatus und die Funktion des Bewegungsapparates geben Rückschlüsse auf gesundheitliche Probleme und deren Verknüpfungen.
Vorbeugende Futterberatung
Neben der Überprüfung des Allgemeinzustandes sowie dem Abhören der Herztöne gehört zu diesem ersten Überblick auch die Beurteilung des Pferdes durch seinen Besitzer. Oft wird dabei von Schwierigkeiten des Pferdes berichtet, die auf Zahnprobleme hindeuten könnten. Auch die Beurteilung des Trensenzaumes und eine Futterberatung wird von Kristina Golling vorgenommen. So lassen sich viele mögliche Probleme oft schon vorbeugend vermeiden.
Jetzt erfolgt eine genaue Kontrolle des Pferdegebisses. Durch vorsichtiges Hin- und Herschieben des Kiefers kann die Pferdezahnärztin bereits von außen feststellen, ob etwas „hakt“. Im nächsten Schritt überprüft sie das Gebiss von innen. Wie erwartet stellt Dr. Golling fest, dass Inga an den Backenzähnen Probleme mit sogenannten Haken hat.
Es hakt im Gebiss
Haken entstehen, wenn sich die Zähne nicht mehr gleichmäßig abnutzen. Zahnhaken ragen über die Kaufläche hinaus, die Mahlbewegung beim Kauen wird behindert und die Schleimhaut kann durch die scharfen Haken verletzt werden. Je weiter diese Haken herausragen, desto schwieriger wird es für das Pferd, seine Nahrung optimal zu kauen. Kauen ist für das Pferd jedoch wichtig, dies sorgt für eine genügende Einspeichelung des Futterbreis, was für dieVerdauung von besonderer Bedeutung ist.
Zu erkennen sind Zahnprobleme oft daran, dass das Pferd ein verändertes Fressverhalten zeigt. Häufig ist zu beobachten, dass sich das Fressen verlangsamt, abnorme Kaubewegungen gemacht werden und das Futter beim Kauen aus dem Maul fällt. Natürlicherweise nutzen sich die Zähne der Pferde durch intensives Kauen stark rohfaserreicher Nahrung ab. Die rauen und silikatreichen Gräser wirkten dabei wie Schmirgelpapier. In der heutigen Zeit bekommen Pferde oft zu wenig rohfaserreiche Futtermittel, Sportpferde benötigen zum Beispiel ein Mehr an Energie, das über Heufütterung allein nicht abgedeckt werden kann. Daher wird mehr Kraftfutter verabreicht, wodurch sich insbesondere die Backenzähne nicht mehr gleichmäßig abnutzen. Zusätzlich ist das Raufutter, da es weniger Silikate enthält als Wildgräser, „weicher“ geworden. Auch bei robust gehaltenen Pferden mit ausschließlicher Heu- und Grasfütterung können als Folge Zahnprobleme auftreten.
Bei Zahnproblemen kann sich unter Umständen auch der Allgemeinzustand des Tieres verschlechtern und es können vermehrt Probleme beim Reiten auftreten. Das Pferd wehrt sich gegen den Zügel, geht auf einer Hand deutlich schlechter und lässt sich schlecht stellen. Im Extremfall signalisiert das Pferd mit Kopfschütteln, Steigen oder Bocken seine Schmerzen. Es ist deshalb wichtig, dass Pferde ab fünf Jahren mindestens einmal jährlich von einem Fachmann kontrolliert werden, damit solchen Problemen im Vorfeld schon aus dem Weg gegangen werden kann.
Schonende Behandlung
Zurück zu unserer „Patientin“ Inga: Die Sedierung beginnt zu wirken und Dr. Golling bettet Ingas Kopf behutsam auf einen speziellen Ständer, der mit einem gepolsterten Kissen versehen ist. Der Kopf des Pferdes befindet sich so für die Behandlung in einer besonders schonenden Position. Das Hochbinden des Kopfes ist aus anatomischer Sicht als bedenklich zu werten. Verspannungen, Stauchungen bis hin zuernsthaften Verletzungen der Halswirbelsäule sind dabei nicht auszuschließen. Die Beachtung solcher Erkenntnisse aus der medizinischen Praxis sind sehr wichtig für eine gute und schonende Behandlung des Tieres. Orientierung für den Pferdebesitzer gibt hier die „Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne“ (IGFP), bei der auch Kristina Golling ihr Wissen regelmäßig mit Fachkollegen austauscht. Der IGFP ist ein Zusammenschluss von Pferde-Dental-Praktikern, die sich durch besondere Aus- und regelmäßige Weiterbildungen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft halten. Dies sichert dem Pferdebesitzer ein hohes Maß an Qualität bei der Zahnkorrektur und auch die Sicherheit, dass keinesfalls laienhaft an den Pferdezähnen „herumgewerkelt“ wird.
Zunächst korrigiert Kristina Golling Ingas Schneidezähne mit einer kleinen Trennscheibe. Die Kürzung der Schneidezähne ist notwendig, wenn Schäden an den Zähnen entstehen oder sie so lang werden, dass sie die Stellung des Gebisses verändern. Vorsichtig werden die Kanten begradigt, sodass sich keinerlei Futterreste absetzen oder Verletzungen entstehen können.
Für die weitere Behandlung bekommt Inga ein Maulgatter zwischen die Zähne. Nur so kann Dr. Golling die Zähne in der hinteren Mundhöhle einzeln und sicher abtasten. Mithilfe einer elektrischen Zahnraspel werden die groben Haken an den hinteren Backenzähnen entfernt. Zur Feinarbeit greift Kristina Golling zum sogenannten „Applecore“. Der spezielle Aufsatz ist schmaler und ermöglicht es, präzise zwischen Wange und Zähne zu gelangen und diese von kleinsten Häkchen zu befreien.
Alles in Ordnung
Zum Abschluss der Behandlung begutachtet Dr. Golling noch einmal kritisch, ob alle Haken entfernt wurden. Sind nicht alle Unebenheiten verschwunden, setzt Kristina Golling noch einmal die Handraspel ein, um dem Zahn den letzten Schliff zu verpassen. Nun werden mithilfe einer Maulspritze die Zähne gespült und in der folgenden Abschlusskontrolle wird noch einmal das komplette Gebiss überprüft. Steht der Kiefer richtig, liegen die Kauflächen der Zähne gut aneinander? Bei Inga ist nun alles wieder in Ordnung und die Stute ist in der Lage, ihr Futter optimal zu zermahlen.
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