Mit Coca Cola fing alles an

MWSMadeleine Winter-Schulze unterstützt den Reitsport wie keine Andere. Lange Jahre galt sie selbst als Deutschlands erfolgreichste Spring- und Dressurreiterin. Wir besuchten sie auf ihrer Anlage bei Hannover.

Madeleine Winter-Schulze isteine Institution im Reitsport. Wer sich je intensiver mit dem Dressur- oder Springsport befasst hat, kennt ihren Namen. Die Besitzurkunden zahlreicher Pferde, die unter Ludger Beerbaum, Isabell Werth, Karin Rehbein, Marco Kutscher oder Ina Saalbach-Müller erfolgreich sind, lauten auf ihren Namen. Doch sie ist weit mehr als „nur“ eine Mäzenin des Reitsports.

„Kommen Sie herein! Darf ich Ihnen Wasser anbieten oder vielleicht einen Schnaps?“, begrüßt uns Madeleine Winter-Schulze herzlich und winkt uns in ihr Wohnzimmer. Während wir am gemütlichen Esstisch Platz nehmen, ist sie schon unterwegs und besorgt Gläser und (alkoholfreie) Getränke. „So, was wollt ihr wissen?“, fragt sie, und hilft ihrer 16-jährigen Jack-Russel-Hündin Lulu, es sich auf ihrem Platz gemütlich zu machen, bevor sie sich zu uns setzt.

Ein guter Tausch

Was wir wissen wollen? Zum Beispiel wie es begann, mit ihrer Liebe zu Pferden. „Meine Schwester hatte als Kind Haltungsprobleme“, erinnert sich Madeleine Winter-Schulze. „Der Arzt meinte damals, wir Mädels müssten ein bisschen was tun und empfahl zur Kräftigung des Rückens Schwimmen oder Reiten. Da mein Vater ohnehin in seiner Freizeit gerne aufs Pferd stieg und durch den schönen Grunewald ritt, entschied er sich für Letzteres.“

Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Das erste Pferd von Madeleine Winter-Schulze, Coca Cola, erwarb ihr Vater, der Berliner Autohändler Eduard Winter, im Tausch gegen einen Traktor. Die Stute bekam den Namen Coca Cola, weil Winter in demselben Jahr die Marken-Konzession für dieses Getränk erhielt.

Erfolgreiche Turniersportkarriere

Sieben Jahre, nachdem sie Coca Cola bekam, gewann Madeleine Winter-Schulze 1959 als 18-jährige die deutschen Dressur-Meisterschaften der Damen. 1969 führte sie auf Patella und 1975 auf Dacapo bei den deutschen Meisterschaften der Amazonen im Springreiten diese Erfolge fort. Madeleine Winter-Schulze wird zu einer der erfolgreichsten deutschen Spring und Dressurreiterinnen der 60er bis 80er Jahre. Neben zahlreichen Erfolgen bei Weltcup-Turnieren gewann sie das Deutsche Dressur Derby in Hamburg in den Jahren 1983 und 1986. Insgesamt warenes mehr als 500 Siege, die sie in ihrer reitsportlichen Karriere feiern konnte.

Förderin des Reitsports

Dann, 1996, starb ihr Pferd Tegeran. Damals trainierte sie beim legendären Ausbilder Herbert Rehbein. „Ich wusste, dass mein Trainer schwer krank war und ich nie wieder ein Pferd haben würde, das so gut zu mir passt wie Tegeran“, erinnertsie sich. „Tegeran war ein ganz besonderes Pferd. Zwischen uns stimmte die Chemie einfach, wir haben uns gegenseitig toll ergänzt.“ Als Herbert Rehbein 1997 starb, verlor Madeleine Winter-Schulze die Motivation, ihre aktive Reitsportkarriere fortzusetzen. Aber nicht ihre Liebe zum Reitsport: Statt sich selbst im Parcours zu beweisen, förderte sie zusammen mit ihrem Mann Dieter Schulze nun den reitsportlichen Spitzennachwuchs. „Zunächst haben Dieter und ich uns überlegt unsere Pferde erst einmal auf die Weide zu stellen, doch unser damaliger Bundestrainer meinte, das wäre bei so tollen Pferden doch viel zu schade. Er hat dann den Kontakt zu Ludger Beerbaum hergestellt.“ Mit dieser Entscheidung begann das wahrscheinlich umfangreichste Mäzenatentum der Reitgeschichte in Deutschland.

Ermöglicht wurde dies vor allem durch das nicht unbeträchtliche Vermögen, dass Madeleine Winter-Schulze und ihre Schwester vom Vater geerbt hatten. „Wenn mein Vater uns damals nicht so abgesichert hätte, könnten wir heute nicht so leben. Ich bin ihm dafür sehr dankbar und gebe das Geld auch sehr bedacht aus“, erklärt sie.

„Moin“ statt „Guten Morgen“

Zwar hat Madeleine Winter-Schulze auch im Betrieb ihres Vaters gearbeitet, doch galt ihre Liebe sowohl beruflich als auch privat immer den Pferden. So verließen Sie und ihr Mann Berlin vor gut drei Jahrzehnten und zogen nach Mellendorf bei Hannover um dort den Hof von Hartwig Steenken, dem ehemaligen Bundestrainer der Springreiter zu übernehmen. „Von Berlin aus, durch die damalige DDR hindurch, auf die großen Turniere zu kommen, war nicht immer einfach. Von Hannover aus waren wir viel zentraler. Aber es war schon eine Umstellung“, schmunzelt sie. „Wenn ich morgens beim Bäcker einen fröhlichen ‚Guten Morgen‘ gewünscht habe und direkt ein Gespräch anfangen wollte, haben die mich mit meiner Berliner Schnauze schon immer ein wenig blöd angeguckt. ‚Moin‘ kam dann höchstens einmal zurück.“

Wir starten unseren Rundgang über den Hof und gehen zuerst in den Stall. „Morgens um kurz nach sechs beginnt mein Tag. Dann lasse ich erst Lulu vor die Tür und decke dann den Tisch fürs Frühstück meiner Mädels.“ Gegen Neun geht es dann los und die Pferde werden geritten oder longiert. 16 Pferde stehen derzeit auf dem Hof, darunter viele Pferde aus der eigenen oder der Zucht von Isabell Werth. „ Ich reite selbst auch noch mehrmals die Woche meine Cherie. Sie war Bundeschampion und kann sich ganz toll bewegen“, schwärmt Madeleine Winter-Schulze und streichelt der Stute über die Nase.

Immer etwas zu knabbern

Die Pferde im Stall Winter-Schulze stehen alle auf Stroh – „aus Kostengründen“, erklärt uns Madeleine Winter-Schulze und unterstreicht ein Mal mehr, wie bedacht sie ihren Betrieb führt. Das Lächeln auf unseren Gesichtern bleibt der aufmerksamen Frau natürlich nicht verborgen und sie ergänzt „Und wir finden es gut, wenn die Pferde immer etwas zu knabbern haben.“

Gemeinsam fahren wir zum benachbarten Hof wo Madeleine Winter-Schulze ihre Zuchtstuten, die „Oldies“ und die Jungpferde untergebracht hat. „Die Mamis“, wie sie ihre vier Zuchtstuten liebevoll nennt, „sind jetzt auch bald soweit, dass sie abfohlen, diese hier ist schon über die Zeit“, berichtet sie und zeigt uns den Stutenstall. „Eigentlich wollte ich dieses Wochenende mit Isabell Werth nach Göteborg, aber da bleibe ich lieber hier beiden Mamis, die brauchen mich mehr.“

MWS_KastenFamiläre Nähe

Isabell Werth unterstützt sie seit 2001 und Ludger Beerbaum bereits seit 1997. In dieser Zeit hat sich eine sehr enge Bindung zwischen ihnen entwickelt, „es ist wie eine große Familie“, beschreibt Madeleine Winter-Schulze. „Besonders nach dem Tod von Dieter Ende 2008 ist die Bindung zu Ludger und Isabell noch viel intensiver geworden. Sie kümmern sich wirklich ganz rührend um mich“, erzählt sie voller Wertschätzung. „Mit Isabell telefonierte ich zwei Mal täglich. Sie wünscht mir abends immer noch eine gute Nacht“.

Ob Ludger Beerbaum und Isabell Werth auch ab und zu einmal hier sind, fragen wir. „Ja klar, wir telefonieren eigentlich jeden Tag miteinander und bereden die Dinge, die uns bewegen. Wenn es mit dem ein oder anderen Pferd einmal nicht so glattgeht, kommen Isabell oder Ludger hier her und helfen meinen Bereitern. Es kommt auch vor, dass einer längerfristig zu Isabell ins Internat eingewiesen wird“, lacht Madeleine Winter-Schulze.

Kein Pferd wird verkauft

Madeleine Winter-Schulze setzt sich nicht nur in allen Belangen aktiv für ihre Reiter ein, diese können sich auch darauf verlassen, nicht plötzlich ein Pferd abgeben zu müssen. „Ich möchte ihnen diese Sicherheit geben“, sagt sie, und es sei ein großes Glück, dass sie finanziell dazu in der Lage sei. „Bei uns verlässt kein Pferd einfach so den Hof von Ludger, Isabell oder mir.“ Ludger Beerbaum rufe zwar immer wieder einmal an und berichte über die aktuellen, „horrenden“ Kaufangebote für seine Stars, aber da bleibt Madeleine Winter-Schulze hart. „Diese Tiere werden nicht einfach so verkauft.“ Und so hält sie es auch mit den Pferden, die für den Sport zu alt geworden sind, oder aufgrund einer Verletzung nicht mehr im aktiven Turniersport eingesetzt werden können. „Ludgers Pferde bleiben fast alle bei ihm, die anderen dürfen hier ihren Lebensabend genießen. Nur It’s Me, die meinem Dieter immer so am Herzen lag, ist bei uns“, erzählt sie und hält die unter Ludger Beerbaum so erfolgreiche, mittlerweile 29-jährige Stute, am Halfter, damit ihre Mitarbeiterin ihr die Winterdecke auflegen kann. Stallnachbar Figaros Boy lugt bereits interessiert auf die Stallgasse und freut sich auf ein paar Leckerlis.

Freundschaft steht über dem Erfolg

„Freundschaft steht über dem Erfolg“, hat Madeleine Winter-Schulze einmal in einem Interview gesagt. Menschlichkeit, Freunde und Familie sind ihr wichtiger als Erfolge und Ruhm. „Wenn ich irgendwo hingehe, würde ich mir zum Beispiel nie meine goldene Reiternadel anstecken. Ich habe sie zwar, und ich freue mich, wenn ich sie in meinem Regal sehe, aber das macht doch einen Menschen nicht aus.“ Wie wichtig ihr Freundschaft ist, und wie wichtig sie vielen Menschen in ihrem Bekannten- und Freundeskreis ist, wird durch die unzähligen Bilder in der großen Reithalle deutlich. „Die Bilder habe ich von meinen Freunden zum 65.Geburtstag bekommen. Das sind alles Erinnerungen an schöne Momente, die wir mit den Pferden hatten.“

Madeleine Winter Schulze wurde am 28. Juni 1941 in Berlin geboren. In ihrer aktiven Zeit als Reiterin errang sie 1959 die Deutsche Meisterschaft in der Dressur auf Coca Cola, sowie 1969 auf Patella und 1975 auf Dacapo die deutsche Meisterschaft der Amazonen im Springreiten. Madeleine Winter-Schulze ist Besitzerin mehrerer international bekannter Spring- und Dressurpferde, darunter auch Weltrekordler „Satchmo“. Sie unterstützt seit 1997 Ludger Beerbaum, seit 2001 Isabell Werth sowie Karin Rehbein, Marco Kutscher und Ina Saalbach-Müller. Verheiratet war Madeleine Winter-Schulze mit Dietrich Schulze. Das Ehepaar lebte in der Wedemark auf dem ehemaligen Hof von Hartwig Steenken. Dietrich Schulze, selbst lange Zeit im Sattel sowie als Züchter erfolgreich, verstarb 2008. Im April 2004 wurde Madeleine Winter-Schulze mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, außerdem ist sie Trägerin der Goldenen Reiternadel, engagierte sich lange Zeit für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) und war Equipechefin bei zahlreichen Dressur-Championaten.