Polizeidienst auf vier Hufen
In der Box von „Amadeus“ plärrt laut ein Radio. Nicht, dass Amadeus trotz seines Namens besonders musikalisch wäre. Aber Radio hören gehört zur Ausbildung des braunen Wallachs. Denn Amadeus ist ein Polizeipferd.
Die ersten Polizeipferde gab es bereits im Mittelalter – obwohl sie damals noch nicht so hießen. Geritten wurden sie von sogenannten Landreitern oder „reisigen Knechten“, die im Auftrag der Obrigkeit auf dem Lande und auf den Straßen für Recht und Ordnung zu sorgen hatten und die Handels- und Warentransporte der Kaufleute schützten.
Auch Jahrhunderte später, als überall in Deutschland „Gendarmerien“ entstanden, war das Pferd das wichtigste Transportmittel für die Ordnungshüter. Ohne Pferd wäre es kaum möglich gewesen, unwegsame Gebiete – die es damals noch häufiger gab als heute – zu kontrollieren oder auch in die entlegenen Teile des Bezirkes zu gelangen.
Geländegängig und schadstofffrei
Heute ist die Polizei zwar motorisiert, aber das Polizeipferd hat immer noch seine besonderen Aufgaben. Vor allem ist es äußerst „geländegängig“: Im dichten Wald oder Unterholz, durch Bachläufe oder im Morast haben auch Motorräder und Vierrad-Fahrzeuge ihre Probleme. Wo sie nicht mehr weiter kommen, ist der Einsatz von Pferden meist immer noch problemlos möglich. In Parks oder Waldgebieten sind Pferde deshalb nach wie vor als „tierische Ordnungshüter“ im Einsatz. Da haben auch Ganoven, die sich mit dem Fahrrad schnell in die Büsche schlagen wollen, keine Chance. Ein Pferd ist eben viel wendiger als ein Streifenwagen. Und dabei auch viel umweltfreundlicher: Auch in Naturschutzgebieten kann es komplett „schadstofffrei“ eingesetzt werden.
Hoch zu Ross
Ein weiterer Vorteil: Zu Pferde sieht man besser. Aus der erhöhten Sicht des Reiters lässt sich ein relativ großes Areal leicht überwachen. Ein berittener Polizist in einer belebten Fußgängerzone macht deshalb keinen Einkaufsbummel zu Pferd, sondern hat ein Auge auf Taschendiebe, die er aus dem Sattel von oben leichter entdecken kann. Aus dem gleichen Grund patrouillieren Polizeipferde mit ihren Reitern bei Großveranstaltungen auf den Parklätzen, um so Autodiebe eher zu entdecken.
Ruhig bleiben, wenn es funkt
Zurück zu „Amadeus“. Der hat seine Trainingseinheit mit dem Radio jetzt beendet. Der Empfang war schlecht, aber das sollte er auch sein: Geräusche wie das Quietschen oder Rauschen eines Radios können auch bei Funkgeräten auftreten. Das müssen Polizeipferde aushalten.
Bereits bei der Auswahl der dreijährigen Pferde wird neben körperlicher Topform Wert auf Nervenstärke und psychische Belastbarkeit gelegt. Das Pferd darf erschrecken, soll aber schnell zur Gelassenheit zurückfinden. Als Fluchttier gilt für Pferde instinktmäßig eigentlich nur Eines, wenn sie erschreckt werden: laufen und das Weite suchen, bis die Gefahr hinter ihnen liegt. Genau dies dürfen sie als Polizeipferd aber nicht. Knallkörper und wehende Fahnen, Lärm, große Menschenmengen, hupende Autos, Musikkapellen, grelle Lichtblitze und Scheinwerfer: Da muss nicht nur der Polizist im Sattel einen kühlen Kopf bewahren, sondern auch sein vierhufiger Gefährte. Polizeipferde müssen unter allen Umständen und unter allen Bedingungen ruhig bleiben, sie dürfen nicht scheuen. Dies wird bei der Ausbildung trainiert.
Klappern gehört zur Ausbildung
Auch Amadeus musste sich an flatternde Fahnen, platzende Luftballons, klappernde Blechdosen, Ratschen und Plastikplanen gewöhnen. Allmählich lernte er, sogar bei Schüssen aus der Dienstpistole oder vor Feuerhindernissen nicht auszubrechen. Im Laufe dieser Ausbildung erfahren die Pferde immer wieder, dass für sie gefahrvoll erscheinende Situationenin Wirklichkeit ungefährlich sind. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Tiere und ändert ihre psychische Einstellung zu fremden Dingen.
Die Ausbildung der Dienstpferde erfolgt nach den Regeln der Deutschen Reiterlichen Vereinigung „Richtlinien für das Reiten und Fahren“ mit dem Ziel, das Ausbildungsniveau der Klasse A zu erlangen. Die Ausbildung in der Dressur und im Springen erfolgt entsprechend des Alters und des Leistungsvermögens der Pferde. Rittigkeit, Beweglichkeit und Ausdauer der Pferde werden nicht nur während der Ausbildung, sondern regelmäßig überprüft und trainiert.
Mitten im Verkehr
Heute Nachmittag steht für Amadeus ein Ausflug in die Innenstadt auf dem Programm. Nun ja, einen Ausflug kann man es eigentlich nicht nennen, denn für den Wallach ist das Bewegen inmitten des ihn umbrandenden Straßenverkehrs wirklich kein Vergnügen. Damit er auf glattem Pflaster oder Asphalt Halt findet, sind die Hufe mit Stollen beschlagen. Das mindert aber nicht die Nervosität des Wallachs. Gut, dass er in „Lorenzo“ einen erfahrenden „Kollegen“ an seiner Seite hat. Der Warmblüter ist ein langgedienter Streifengänger, den so leicht nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. An seinem Verhalten kann sich Amadeus orientieren und der junge Wallach wird zusehends ruhiger.
Dienst bei Wind und Wetter
Geritten wird übrigens bei jedem Wetter. Wobei „Reiten“ im polizeilichen Einsatz sehr oft im Schritt gehen bedeutet und auch längere Zeit ruhig dazustehen gehört zu den alltäglichen Aufgaben eines Polizeipferdes. Dies alles, wenn es sein soll, auch bei klirrender Kälte und strömendem Regen. Damit die Pferde den Unbillen des Wetters gewachsen sind, werden sie in ihren Boxen im Winter häufig nicht eingedeckt und auch nicht geschoren. Ein wärmendes Winterfell ist beim Einsatz in Wind und Wetter durchaus nicht das Falsche. Als Polizeipferde kommen vor allem Wallache in Betracht, sie werden wegen ihres ausgeglichenen Temperaments den Stuten oder Hengsten meist vorgezogen. Passen muss das Exterieur und die Gesundheit, ein Polizeipferd darf von vornherein kein Wehwehchen haben. Genauso wichtig ist aber auch der Charakter des Tieres: Freundlichkeit, ein angenehmes Temperament und Gelassenheit sind gute Eingangsvoraussetzungen.
Reiten kann man lernen
Anders als das Polizeipferd muss sein Reiter keine besonderen Voraussetzungen mitbringen, außer denen, die ganz allgemein für den Polizeidienst notwendig sind. Er oder sie muss noch nicht einmal reiten können. Diese Fertigkeit kann auch erst während der Ausbildung erlernt werden. Dann aber muss der berittene Polizist oder die Polizistin in der Lage sein, sich in vielen Sätteln zurechtzufinden. Die meisten Beamten der Reiterstaffeln haben zwar ihr Lieblingspferd und bilden mit ihm ein eingespieltes Team. Aber jeder wird auf verschiedenen Pferden ausgebildet und muss fähig sein, jederzeit andere Pferde zu reiten und sich auf die Eigenheiten dieser Tiere einzustellen. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für die Pferde: Auch sie müssen mit verschiedenen Reitern problemlos zurechtkommen.
Am Ende der Ausbildung steht eine Prüfung in den Disziplinen Dressur, Springen und polizeilicher Gewöhnungsparcours. Erst dann steht letztlich fest, ob der Vierbeiner ein Polizeipferd werden kann oder nicht. Amadeus hat es geschafft und irgendwann wird auch er einmal einen jungen „Polizeipferdanwärter“ bei seinem ersten Ausritt in den Straßenverkehr als erfahrenes Dienstpferd begleiten.
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