Wie das Pferd zum Huf kam

messel_urpferdVom Shetland-Pony bis zum Shire-Horse: Aus drei Urtypen des Pferdes entstanden bis heute rund 200 unterschiedliche Rassen. Angefangen hat dies alles vor 60 Millionen Jahren in einem subtropischen Urwald.

Es herrscht drückende Schwüle. Der von Lianen durchwucherte Regenwald dampft unter der subtropischen Sonne. Halbaffen und Fledermäuse hängen in den Bäumen, über den Boden rascheln Eidechsen und Schlangen. Ein etwa hasengroßes Säugetier mit langem Schwanz huscht durch das Unterholz. Es schnuppert nach Essbarem: Die Beeren dort, die sind eine Delikatesse, aber auch frisches Laub und Blütenblätter werden nicht verschmäht. Plötzlich horcht „Phenocodus“, so heißt der kleine Kerl mit seinem wissenschaftlichen Namen, auf: Etwas nähert sich – nichts Gutes. Vorsichtshalber flieht Phenocodus auf eine naheliegende Fläche mit weichem Sumpfboden. Hierhin können ihm größere Raubtiere nicht folgen, mit seinem geringen Gewicht und den weichen, fünfzehigen und krallenbewehrten Pfoten kann sich Phenocodus hier jedoch gut fortbewegen.

Es begann in Amerika

Dieser kleine, weichpfotige Pflanzenfresser lebte vor etwa 60 Millionen Jahren dort, wo heute Nordamerika liegt. Einige Jahrtausende später entwickelt sich aus ihm „Eohippus“, der Stammvater aller heute lebenden Pferde. Auch er ernährt sich von Blättern, Obst und Beeren, auch er hat noch richtige Pfoten mit vorne vier und hinten drei Zehen, die allerdings schon kleine hufähnliche Kappen aufweisen. Und er ist gewachsen: Eohippus ist nun etwa fuchsgroß, er besitzt eine stark aufgewölbte Rückenlinie, einen kurzen Hals und einen tief getragenen Kopf.

Die Nachfahren des Eohippus müssen sich in ihrer Lebensweise umstellen: Das Klima wird trockener, die Wälder ziehen sich zurück, harte Savannengräser werden zur Hauptnahrung des Urpferdes. Das lässt sich auch heute noch an fossilen Zahnfunden ablesen.

Der amerikanische Kontinent war die Kinderstube des Pferdes. Zunächst gab es auch Urpferde in Mitteleuropa, dort sind sie jedoch bald ausgestorben. Im Laufe der Jahrmillionen währenden Evolution (von Eohippus bis zum heutigen Pferd sind über 120 verschiedene Entwicklungsstufen bekannt) kam es mehrfach zu Auswanderungswellen der unterschiedlichen „Pferdeahnen“ nach Südamerika und über die zeitweise bestehende Landbrücke „Beringia“ Richtung Asien und weiter nach Europa. In Amerika starben die Pferde hingegen völlig aus, erst Kolumbus und die spanischen Konquistadoren brachten das Pferd in seiner heutigen Form wieder in die „Neue Welt“.

Von der Pfote zum Huf

In den nordamerikanischen Grassteppen, dem neuen Lebensraum des Urpferdes, war weniger ein geringes Gewicht als vielmehr die Fähigkeit zu schneller Flucht entscheidend über Leben und Tod. So gewann das Hippus während der nächsten Jahrmillionen langsam an Größe. An den Hinterfüßen wurde die mittlere, vorne die zweite Zehe von innen, immer stabiler und konnte mehr Körpergewicht tragen. Bis zum Einhufer Pferd dauerte es jedoch noch lange: Erst in der Zeit von vor zehn bis vor eine Million Jahre hatte das nun „Pliohippus“ genannte Pferd die heutige Form des Hufes annähernd ausgebildet und mit 116 Zentimetern mehr als die Größe des heutigen Shetland-Ponys erreicht.

Ab jetzt ähneln die Wald- und Steppentiere, die inzwischen über die heute unterbrochene Landbrücke von Amerika nach Europa und auf das südostasiatische Festland gewandert waren, bereits stärker den modernen Pferden: Der schwere Kopf mit kräftigen Ganaschen wies ein hervorragend für das Fressen harten Steppengrases geeignetes Gebiss auf, der länger gewordene Hals trug eine kurze Mähne und die Rückenlinie war extrem gerade, wie noch beim heutigen Przewalski-Pferd oder bei verschiedenen Wildeselarten. Das Przewalski-Pferd gilt als direkter Nachfahre von Pliohippus ist aber nicht der direkte Vorfahre unserer Hauspferderassen.

Jagdbeute für den Menschen

Vor etwa einer Million Jahren traf das Pferd auf den Menschen. Kein glückliches Zusammentreffen für Hippus, denn es wurde schnell zur Jagdbeute. Allerdings waren diese frühen Jäger nicht in der Lage, ein Tier aus einer fliehenden Herde heraus zu erlegen – Pfeil und Bogen gab es noch nicht. Es kam zwar auch vor, dass eine ganze Herde in einen Abgrund getrieben wurde – dies lässt sich durch Knochenfunde belegen – aber dann war das „Nahrungsmittel“ Pferd für längere Zeit erst einmal nicht mehr greifbar. Also folgten nomadisch lebenden Jäger der Herde in einigem Abstand und warteten auf ihre Chance. Es blieb nicht aus, dass sie dabei die Verhaltensweisen der Tiere beobachteten. Sie bemühten sie sich auch, die Wanderungen der Herde zu besonders futterreichen Regionen zu lenken, damit „ihre“ Herde stark und gesund blieb, sich vermehren konnte und so für die Menschen ein gut verfügbares Nahrungsreservoir darstellte.

Die Stammväter unserer Pferderassen

Vor rund 5.000 Jahren wurden zum ersten Mal Pferde nicht nur als Fleischlieferanten gejagt, sondern eingefangen und gezähmt. Zu dieser Zeit müssen die Equiden bereits zahlreiche Unterordnungen ausgebildet haben, denn einige Unterarten, etwa das Przewalski-Pferd, lassen sich bis heute nicht zähmen. Bei anderen gelang dies offensichtlich besser und bereits von diesen Anfängen an wurden durch Selektion und systematische Kreuzung einzelne Pferdetypen ganz gezielt gezüchtet.

Auf welche „Urpferde“ unsere heutigen Pferderassen zurückgehen, ist in der Wissenschaft noch umstritten. Am häufigsten werden drei „Urtypen“ unterschieden: das Urpony (auch Nordlandtyp), den Urvollblüter sowie den Ramskopftyp, die beide zu den Südlandpferden zählen.

Vom Urpony zum Kaltblut

Der in der Steppe beheimatete Urponytyp ähnelte im Aussehen vermutlich stark dem Przewalski-Pferd: kleine, kompakte Statur, kantiger Schädel, kräftige Ganaschen und eine ausgeprägte Ramsnase. Einige Kaltblutrassen, vor allem aber die nordosteuropäischen und skandinavischen Ponyrassen, wurden durch das Urpony geprägt. Typisch für diese Ponys sind geringe Größe und große Zähigkeit, aber auch ein ruhiges, ausgeglichenes Temperament.

Die auf diesen Urtyp zurückgehenden Rassen sind meist ausgesprochene Schritt- und Trabpferde. Meist wurden die Pferde des Nordlandtyps als reine Gebrauchspferde für Streckenritte und darüber hinaus – wie heute noch in Island üblich – als Fleischlieferanten gezüchtet. So wurde auf zuverlässige, leichtfuttrige und robuste Pferde selektiert.

Ramskopftyp und Reiterkunst

Vom prähistorischen Ramskopftyp leiten sich wahrscheinlich die iberischen Pferde, aber auch zahlreiche der osteuropäischen Rassen ab. Ihr Kennzeichen ist der trockene, lange Ramskopf mit schmaler Stirn und großen Nüstern. Die Pferde sind großrahmig, mit langen Linien und hohem Stockmaß. Wie die zum Beispiel die Achal-Tekkiner, die von ihnen abstammen, wirkten diese Pferde eher knochig und sehnig als elegant. Am ehesten ähnelt den Urpferden vermutlich der heute noch existierende portugiesische Sorraia.

Von den frühen Ramskopfpferden stammen viele der heute als Dressurpferde beliebten Rassen ab wie Andalusier, Lusitano und Berber, aber auch Kladruber, Lipizzaner und Nonius. Weil Ramskopfpferde Reitfehler und falscher Behandlung deutlich weniger tolerieren als der Nordlandtyp, entwickelte sich mit ihnen eine hochstehende Reitkunst.

Vollblüter aus Arabien

Auf der arabischen Halbinsel hatte sich schon früh ein deutlich zierlicherer und auch kleinerer Pferdetyp entwickelt. Der Urvollblüter ähnelte dem heutigen zierlichen ägyptischen Araber mit dem sehr trockenen, fein geschnittenen Hechtkopf mit weiten Nüstern und großen Augen sowie dem kurzlinigen, eleganten Gebäude.

Schon früh domestizierten arabische Stämme die zierlichen Pferde, die sich eng an ihre Besitzer anschlossen. Seit beinahe 2.000 Jahren besteht eine Reinzucht des Arabers. Der ursprüngliche Typ existiert somit weitgehend unverändert; einige Linien zeigen jedoch Einkreuzungen der anderen Urtypen. Darüber hinaus findet sich das Blut des Urarabers in fast allen Hauspferderassen Süd- und Mitteleuropas sowie Asiens.

Begleiter des Menschen

Nach Jahrmillionen seiner Entwicklung wurde das Pferd erst vor wenigen Tausend Jahren zum Begleiter des Menschen. Ohne das Pferd wäre die menschliche Geschichte eine Andere, wäre die kulturelle Entwicklung so nicht möglich gewesen, hätten viele der Eroberungszüge, Schlachten und Völkerwanderungen der letzten Jahrtausende so nicht stattfinden können. Mit der Domestikation des Pferdes als Zug- und Reittier begann eine neu Zeit. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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